Landauf landab wird man beinahe verfolgt vom Anblick wichtiger bzw. sich wichtig
dünkender Zeitgenossen, die mit Handy bewaffnet an den Ecken stehen und in die
Muschel palavern, wohl glaubend, damit den VIP-Status erlangt zu haben.

Desweiteren beobachte ich permanent fahrige, unkonzentrierte Autolenker, die
qualmende Kippe in der einen Pfote, das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt
- jetzt entgegne keiner, das sei verboten, es wird nämlich einfach und überall
gemacht -, die entweder mit 35 über breite Hauptstraßen schleichen, Ampelphasen
verpennen oder promilleverdächtige Schwankungen vollziehen.

Nichts gegen das Handy als nützliches Hilfsmittel, das auch ich - gerade bei
Biketouren - immer unter der Sitzbank habe für den Fall, es passiert etwas. Ich weiß,
daß Handys Leben retten können, aber dies ist hier nicht mein Thema. Mir geht es um
die allgemeine Quasselsucht in Verbindung mit fast krankhaftem Wichtigsein- bzw.
Wichtigtu-Gehabe, die in meiner Sicht schon pathologische Züge trägt und die
bekannt exzesshaften Formen des südländischen Mitteilungsbedürfnisses
unterdessen übertrifft.

Und sie ist ein gesellschaftliches Phänomen, symbolisiert sie doch den leider längst
vollzogenen Wandel von einer Gesellschaft, in der Bildungswerte und Wissen etwas
galten, zu einer reinen Sprachkultur - übrigens charakteristisch für Drittweltländer -,
in der nur zählt, wer immer wieder lautstark auf seine Existenz und seine
Ambitionen hinweist.

Die "stillen Wasser" und Menschen mit Tiefgang haben in dieser "Klappern-gehört-
zum-Handwerk-Kultur" leider verdammt schlechte Karten. Ich sehne mich fast nach
den guten alten bildungsbürgerlichen Zeiten zurück, in denen der gelehrte, kluge,
weise, kultivierte und zurückhaltene Mensch hohe Reputation genoß.

Die 68er waren seinerzeit bei uns angetreten, soziale Schranken und gesellschaftliche
Unterschiede "hinwegzunivellieren". Das haben sie perfekt hinbekommen, wobei
Kultur- und Bildungswerte nicht - wie dereinst angestrebt - demokratisiert wurden,
sondern einer niveauzerstörenden "Massokratie" der Selbstdarsteller und
Selbstverkäufer weichen mußten.

Analog dazu schwindet in breiten Bevölkerungsschichten die Fähigkeit und auch der
Wille, sich überhaupt noch einigermaßen kultiviert und stilistisch erträglich schriftlich
auszudrücken. Wozu auch, Geld und Geltung sichert man sich heute doch am besten
durch lautstarkes Quasseln und fünfundvierzig Telefonate pro Tag!

Die Alcatels und Debi(l)tels mag es freuen und die Inkasso-Institute auch, wenn
mancher Sozialhilfeempfänger meint, mit Handy-Rechnungen von 350 Euro im Monat
nachdrücklich darauf hinweisen zu müssen, daß auch er wichtig ist.

Als signifikantes Symbol unserer durch eine ungemein hektische und oberflächliche
Geschäftig- und Geschwätzigkeit gekennzeichneten Welt des beginnenden 21.
Jahrhunderts mit all ihren substanziellen Beschränktheiten, lehne ich die
allgegenwärtige "Handymanie" vehement ab und sehne mich nach
handyfreien Zonen, zumindest auf den Aborten dieser Republik.